Die Definition von Sucht

Der Psychiatrie-Chefarzt Andreas Heinz über den Begriff Sucht und seine Verwendung.

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Prof. Andreas Heinz. Foto: Thilo Rückeis

Der Suchtbegriff wird seit geraumer Zeit inflationär verwendet. Spielsucht, Sexsucht, Kaufsucht, zuletzt sprach Bundespräsident Joachim Gauck sogar von einer glückssüchtigen Gesellschaft. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, alles, was wir gerne tun, sei pathologisch. Aber stimmt das?

Die Diskussion um Süchte hat sich in den letzten 30 Jahren verändert. Ursprünglich wurde der Begriff bei Menschen verwendet, denen man unterstellte, wegen einer ihnen zugeschriebenen Willensschwäche mit bestimmten Dingen nicht so umgehen zu können, vor allem mit legalen Drogen wie Alkohol. Pioniere wie der britische Suchtforscher Griffith Edwards sorgten für ein Umdenken.

Abhängigkeit statt Sucht

Er forderte, dass man vom Begriff der Sucht weg muss, hin zum Begriff der Abhängigkeit. Bei einer Abhängigkeitserkrankung gewöhnt sich das Gehirn an eine Substanz. Fällt diese weg, folgt Entzug, also ein starkes Verlangen nach der Substanz und Kontrollminderung im Umgang. Daraus ergibt sich jedoch ein Problem: Menschen mit Verhaltenssucht haben meist keine Entzugssymptome. Bei stoffgebundenen Süchten folgt aus einer Absetzung der Substanz ein Wegfall der beruhigenden Wirkung und eine Übererregung des Gehirns. Es kann zu Krampfanfällen und Delirien kommen. Das ist bei Verhaltenssüchten kaum der Fall. Doch auch sie können fatale Auswirkungen haben. In Südkorea ließ ein Paar sein Kind verhungern, weil es Onlinespiele zockte und darüber vergaß, sein Kind zu versorgen.

Den Begriff Sucht zu definieren, ist schwierig– es geht nicht um einen Gegenstand. Bei einem Stuhl kann man fragen, ob die Lehne hoch genug ist, damit er nicht als Schemel gilt. Bei Verhaltenssüchten stellt sich jedoch die Frage, ob es sinnvoll ist, Verhalten auf eine bestimmte Art zu beschreiben und wofür das gut ist. Der Mensch ist ein leidenschaftliches Wesen und macht manches eben gerne exzessiv. Man könnte jedes sozial missliebige Verhalten als Sucht etikettieren – problematisch vor allem, weil es viele normative Erwartungen gibt, wie Menschen zu sein haben. Sie sollen arbeiten, aber nicht so viel, dass sie nicht mehr funktionieren. Sie sollen an der Börse durch hochspekulative Geschäfte Gewinne erzielen, aber keine Verluste riskieren. Unerwünschtes Verhalten als Sucht zu deklarieren, hat also immer auch eine moralische Komponente. Deshalb sollte der Begriff nicht beliebig werden.

_Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 18. Juni 2012.)



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