Die Auswirkung von sozialer Ausgrenzung

Der Psychiatrie-Chefarzt Andreas Heinz über soziale Ausgrenzung von Zuzüglern nicht nur aus Schwaben und deren Auswirkung.

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Prof. Andreas Heinz. Foto: Thilo Rückeis

Schwäbische Zuzügler waren in Berlin schon öfter ein Thema: Ende der 80er Jahre beklagte sich der damalige Bürgermeister Eberhard Diepgen, dass die "schwäbische Landjugend" die Randale am 1. Mai verursacht habe. Bereits damals kochten die Emotionen an der Frage der Mietsteigerungen hoch, die eingewanderten Schwaben galten aber als Protestler und nicht wie heute als Gentrifizierer, die alteingesessene Kiezbewohner vertreiben.

Das angespannte Verhältnis beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Als meine Mutter, eine gebürtige Berlinerin, in den 50er Jahren nach Schwaben zog, gab es von den Nachbarn zur Begrüßungen einen Zettel am Gartenzaun: "Das Flüchtlingspack soll sich hinscheren, wo es hergekommen ist.

"Ein Spielkamerad meinte, wenn meine Mutter aus Berlin komme, sei ich ja ein Bastard. Dass sein Vater ebenfalls Berliner war, hatte er verdrängt, um ja selbst dazuzugehören.

Solche Versuche der Zuordnung bezeichnet die Sozialforschung als Fremd- und Selbstethnisierung. Menschen haben den Drang, sich gesellschaftlich zu verankern. Wenn sie irgendwo hinzukommen und auf Ausgrenzung stoßen, passen sie sich oft verzweifelt Erwartungen der Alteingesessenen an. Misslingt das, identifizieren sie sich mit vermeintlich typischen Eigenschaften ihrer Herkunftsgruppe.

Auswanderer erkranken häufiger an Psychosen

Soziale Ausgrenzung ist ein Hauptstressfaktor und kann die Entstehung von Depressionen und Psychosen begünstigen. Verschiedene Studien haben belegt, dass die Psychose- und Depressionsraten bei Zuzüglern und ethnischen Minderheiten signifikant höher liegen als bei der Durchschnittsbevölkerung. Beispielsweise erkrankten Afrikaner, die nach London übergesiedelt waren, fast fünfmal häufiger an Psychosen. Das hat offenbar damit zu tun, dass sich durch die soziale Ausgrenzung die Wahrnehmung verändert: Betroffene fühlen sich – oft zu Recht – beobachtet, sind gereizt, gestresst und können depressiv oder aggressiv reagieren.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat mit Mietsteigerungen und sozialer Verdrängung in der Innenstadt wichtige Themen angesprochen. Nur – muss dafür wirklich wieder die deutsche Stammeskultur verantwortlich gemacht werden oder ginge es mal mit einer rationalen Analyse der Ursachen?

Unser Kolumnist hat in Zusammenarbeit mit Ulrike Kluge das Buch "Einwanderung: Bedrohung oder Zukunft? Mythen und Fakten zur Integration" verfasst (Campus Verlag, 331 Seiten, 29,90 Euro)
_Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 21 . Januar 2013.)



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