Das nicht vorhandene Burnout-Syndrom bei Politikern

Der Psychiatrie-Oberarzt Mazda Adli über die Gründe, warum Politiker nicht an einem Burnout-Syndrom leiden.

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Dr. Mazda Adli. Foto: Promo

Jüngst fragte die Parlamentsredakteurin einer großen Berliner Tageszeitung während einer Talkrunde, die wir gemeinsam zum Thema Burnout bestritten, warum Politiker so gut wie nie ausbrennen. Trotz des hohen Arbeitspensums und der oft nachweislich geringen Dankbarkeit, die ihnen entgegenschlägt, erfreuen sie sich offenbar robuster mentaler Gesundheit. Abgesehen von Matthias Platzeck gibt es niemanden, der sich öffentlich zum Burnout bekannt hat.

Was kann sich also die stressgebeutelte Bevölkerung bei Politikern abgucken? Der Bundeskanzleramts-Chef Ronald Pofalla hat es gerade demonstriert, als er seinen Parteikollegen Wolfgang Bosbach in einer Sitzung der nordrhein-westfälischen CDU-Landesgruppe mit den Worten "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen" beschimpfte.

Ähnlich ungehalten reagierte Finanzminister Wolfgang Schäuble, als er seinen Sprecher Michael Offer auf einer Pressekonferenz vor anwesenden Journalisten harsch zurechtwies, weil dieser es versäumt hatte, Unterlagen zu kopieren und zu verteilen. Der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl katapultierte sich selbst aus dem Rennen um das Amt des Generalbundesanwalts, nachdem er seine Emotionen ungebremst in sein Smartphone tippte, ohne sich lange darum zu scheren, ob sie anschließend bequem per Knopfdruck vom überraschten Empfänger auf die Tische der Zeitungsredaktionen des Landes weitergeleitet werden könnten. So wenig Autoren moderner Benimmratgeber hier glänzende Beispiele für Höflichkeit und Etikette finden mögen, so interessant sind diese Entladungen aus medizinischer Sicht. Aufgestaute Emotionen müssen raus, möglichst bevor sie seelischen Schaden anrichten, hat schon Sigmund Freud dem vom spanischen Hofzeremoniell gebeutelten Wien des Fin de Siècle vor über hundert Jahren erklärt.

Die moderne Psychiatrie sucht nach sogenannten salutogenetischen Faktoren: Faktoren, die uns helfen, gesund zu bleiben. Sind also impulsive Politiker die besten Ratgeber für die Erhaltung seelischer Gesundheit? Die Parlamente dieser Welt sind noch nie Tempel der Beherrschtheit gewesen. Aus Italien und der Türkei hört man gelegentlich von regelrechten Handgemengen im Plenarsaal. In Bundestagsdebatten hierzulande erlebt man, wie sich Abgeordnete gegenseitig anschreien und auf mehr oder weniger subtile Art beleidigen. Nur selten bricht dabei jemand wegen rüder Beschimpfungen oder ungezogener Zwischenrufe vor den Augen der Parlamentskollegen in Tränen aus oder verlässt den Saal. Was hat diese Berufsgruppe also, das das von ihnen regierte Volk zurzeit offenbar so dringend bräuchte? Sie verarbeiten Emotionen in Rohform, bevor diese innerlich Schaden anrichten, und münzen sie ganz nebenbei in ein politisches Statement.
_Mazda Adli ist Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 9. Oktober 2011.)



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