Das neue Entgeltgesetz für die Psychiatrie

Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité. Heute wirft er einen Blick in die Zukunft seiner Profession.

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Prof. Andreas Heinz. Foto: Thilo Rückeis

Wer seelische Probleme hat und auf Hilfe angewiesen ist, sollte psychotherapeutische Kliniken aufsuchen, solange diese noch über genügend Personal verfügen. Warum? Weil in den nächsten Jahren die Psychiatrie-Personalverordnung, kurz: Psych-PV, ausläuft. Das wird weitreichende Konsequenzen für die Qualität der Behandlung haben. Geplant ist ein neues Entgeltsystem, die Kassen würden nach einer gewissen Liegezeit weniger zahlen. Besonders Langzeitpatienten wären davon betroffen.

Hinzu kommt, dass die Personalverordnung wegfallen soll, die derzeit die Untergrenze der Mitarbeiterzahl an psychiatrischen Kliniken festlegt. Derzeit kommt auf rund 18 Patienten ein Arzt, auf rund 60 Patienten ein Psychologe. Diese Bestimmung soll künftig durch Qualitätsrichtlinien ersetzt werden. Das Problem: Die sind bislang nicht definiert, und außerdem brächten sie nur etwas, wenn entsprechend Personal eingestellt wird. Das ist in Zeiten knapper Kassen jedoch illusorisch. Aber: Auch wenn die psychotherapeutischen Gespräche vermehrt von behandelnden Ärzten übernommen werden, bräuchte es entsprechende Neueinstellungen. Sonst ist es nicht zu gewährleisten, einem Betroffenen wenigstens einmal pro Woche ein einstündiges Gespräch anzubieten.

Hilfe von Mitmenschen ist die beste Medizin 

Menschliche Zuwendung trägt wesentlich zum Behandlungserfolg bei. Medikamente können helfen, bessern und lindern, aber entscheidend ist zwischenmenschlicher Kontakt und soziale Einbindung. Wir wissen, dass seelische Krankheiten oft mit Traumatisierung, Ausgrenzung und Verletzung zu tun haben. Dann bedarf es der Hilfe von Mitmenschen, das Vorgefallene zu verstehen und in einen Lebenskontext einzuordnen.

Das Bundesverfassungsgericht stellt fest, dass nur bei einer lebensbedrohlichen Situation über den Willen eines Menschen hinweg entschieden werden kann, wenn er krankheitsbedingt die Gefahren nicht einsehen kann. Was aber, wenn wenn mangels Personal Patienten eingeschlossen oder gegen ihren Willen behandelt werden, weil man nicht die Zeit hat, mit ihnen zu reden? Deswegen ist es wichtig, die Zahl der Mitarbeiter klar zu regeln. Vor 40 Jahren hat eine Kommission die Zustände in deutschen Psychiatrien überprüft und festgelegt, wie Patienten behandelt werden sollen. Heute haben sich die medizinischen, sozialen und psychotherapeutischen Ansprüche geändert. In Großstädten nimmt die Zahl der Erkrankten zu. Wir brauchen eine neue Kommission, die überprüft, wo die Republik steht und in welche Richtung sie gehen will. Eine personelle Minimalausstattung ist unabdingbar. Sonst schadet es den Betroffenen.

Mit dieser Folge verabschiedet sich Professor Andreas Heinz als Kolumnist.
_Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie der Charité (Der Artikel erschien erstmals am 8. April 2013.)



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