„Pollen sind nichst für Weicheier“

Jucken, Schniefen und Husten zur besten Zeit des Jahres – davon kann Entertainer BODO WARTKE buchstäblich ein Lied singen. Mit Tagesspiegel GESUND sprach er über Pollen-Apps, Medizin-Songs und warum er auch mit verschnupfter Nase gerne auftritt.

Bodo Wartke hat immer ein Lächeln auf den Lippen - auch in der Allergiezeit

 

Foto: Mike Wolff

Herr Wartke, man kennt Sie als Klavierkabarettisten, Liedermacher und Reimkünstler. Heute geht es aber zur Abwechslung einmal um Medizin, daher zunächst ganz generell gefragt: Wie gut passen Gedichttexte und Gesundheitsthemen zusammen?

Etwa so (räuspert sich): „Wo drückt der Schuh, wo schmerzt der Zeh? / Welches Mittel, das ich hol’, / Tut wann und wie, bei welch’ Wehweh, / wem zu wessen Wohl wohl wohl?“

Man merkt, Sie befassen sich lyrisch auch mit Gesundheitsfragen – ein anderes schönes Beispiel dafür ist Ihr Lied „Frühlingsgefühle“, das vom Leben mit einer Pollenallergie handelt. Wann hat die sich bei Ihnen denn zum ersten Mal gezeigt?

Das weiß ich noch ziemlich genau, das war an einem Frühlingsmorgen im Jahr 2003, als ich mit meiner damaligen Freundin am Küchentisch saß. Ich hatte rote Augen, die Nase lief ständig und ich dachte, ich hätte eine fiese Erkältung. Aber meine Freundin als Allergikerin kannte die Symptome und gab mir den Tipp, mich mal beim Allergologen untersuchen zu lassen.

Hat sich der Ratschlag bezahlt gemacht?

Ja, auf jeden Fall. Mir wurde von einer Hautärztin und Allergologin Blut abgenommen, weil sich damit schon mit hoher Genauigkeit feststellen lässt, worauf man allergisch ist. Aufschlussreich war auch der Prick-Test, bei dem ich verschiedene Allergene am Unterarm aufgetragen bekam. Damit sollte geschaut werden, ob ich positiv darauf reagiere und ob sich Hautquaddeln bilden. Und dann Holla, die Waldfee: Tatsächlich kam eine Allergie gegen sämtliche Frühblüherpollen inklusive Kreuzallergien raus! Aber das erklärte wenigstens auch, warum ich beim Verzehr von Walnüssen und Haselnüssen immer so’n komisches Kribbeln im Mund verspürte...

Wenn Sie einmal den Zeitraum seit der Diagnose bis heute resümieren: Wie sind Sie bisher mit der Allergie im Alltag zurechtgekommen?

Also, an sich schon ganz gut. Wenn in den ersten Frühlingstagen meine Augen zu jucken beginnen, denke ich zwar immer, ich werde wahnsinnig. Aber das dauert in der Regel nur so zwei bis drei Tage an. Danach kommt dann gefühlt oft die Nase an die Reihe. Das kriege ich aber ganz gut in den Griff mit Nasenduschen. Es gibt ja Leute, die so etwas nie machen würden, aber ich finde es super gut und ehrlich gesagt auch ganz angenehm. Ich darf das nur nicht vor einem Auftritt machen, denn wenn ich mich verbeuge, läuft mir Wasser aus der Nase. Na, und erklär das ma’ dem Publikum (lacht). Ansonsten nehm‘ ich an freiverkäuflichen Antihistaminika-Tabletten meistens Loratadin, selten Cetirizin. Cetirizin erst, wenn Loratadin alle ist. Und richtig nervig wird es eigentlich nur dann, wenn die Allergie auf die Lunge schlägt. Dann muss auch ich ein verschreibungspflichtiges Medikament nehmen, ein Pulverinhalat.

Wann fangen Sie mit der Behandlung üblicherweise an?

In der Regel dann, wenn sich die ersten Symptome zeigen. Ich habe sogar ’ne Pollenflug-Kalender-App auf meinem Handy, die allerdings nicht immer ganz stimmen mag. Da steht nämlich manchmal, dass ganz viele Pollen fliegen würden, wenn ich eigentlich nichts weiter davon bemerke. Im Gegensatz dazu zeigt sie mir hin und wieder an, dass angeblich gar keine Pollenbelastung herrsche. Und in den Momenten denk ich mir mit schniefender Nase nur so: DOCH! VOLL! Immer wieder erleichternd ist es, wenn erfahrungsgemäß im Juni die Symptome bei mir abklingen. Dann fange ich auch an regelmäßig zu vergessen, meine Mittel zu nehmen. Aber das ist gleichzeitig das gute Zeichen für mich, dass die Pollenflugzeit wieder vorbei ist.

Haben Sie schon einmal über eine Hyposensibilisierung nachgedacht?

Ja, dazu mir wird hin und wieder geraten. Bisher schrecke ich davor allerdings immer wieder zurück, weil ich von einigen Bekannten gehört habe, dass ihnen das gar nicht geholfen hat. Ich kenne zwar auch die Gegenseite, die meint, dass das Gold wert wäre und total viel bringen würde. Aber der Therapieerfolg ist meines Wissens nach nicht zu 100 Prozent gewiss – und wenn man dafür dann drei Jahre lang jede Woche zum Arzt rennen muss, ist das mit meinem Job einfach schwer zu leisten. Jetzt im Frühling und Sommer ist eh nicht der richtige Zeitpunkt dafür, weil man ja versetzt zur Allergiezeit damit anfangen müsste. Aber wenn die Symptome nach der Allergiezeit wieder weg sind, denke ich wahrscheinlich wie viele andere Allergiker nicht mehr groß daran. Da ist man froh, wenn man für das Jahr erst mal wieder Ruhe hat – und ich hoffe ja auch jedes Jahr, dass meine Allergie komplett vorbeigegangen ist. Hab’ ich nämlich schon von einigen Leuten gehört, dass bei denen ihre Allergie auf einmal von selbst verschwunden ist!

Wie stark schränkt eine Pollenallergie die Lebensqualität ein?

Ich denke, das kommt darauf an, wie stark die Allergie ist. Meine zum Beispiel schätze ich als so mittel ausgeprägt ein. Die nervt schon ganz schön, ist aber wohl nichts ist im Vergleich zu dem, was ich zum Teil von anderen Leuten höre. Einer meiner Kollegen beispielsweise hat eine Erdnussallergie. Wenn der Erdnüsse isst, muss er ins Krankenhaus. Deswegen muss er auch bei jedem Essen fragen, ob da womöglich Erdnüsse drin sind. Als Allergiker geht man eben lieber auf Nummer sicher. Ich kann das nachvollziehen, etwa wenn während des Pollenflugs die Sonne scheint und ganz Berlin auf der Straße ist, man selbst aber besser drinnen bleibt. Irgendwann geht man natürlich trotzdem raus, jedoch sorgt die Pollenallergie oftmals für so einen gewissen Beigeschmack.

Und wie kriegen Sie das mit der Allergie bei Auftritten in den Griff?

Auf der Bühne geht’s ehrlich gesagt ganz gut, sogar wenn ich mit verschnupfter Nase singen muss. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich an meine Stimme nicht den Anspruch stelle, glasklar schön zu klingen. Wichtiger ist mir, dass man den Text versteht. Wäre ich zum Beispiel ein Opernsänger, hätte ich da sicher größere Schwierigkeiten.  

Wie kam es dazu, dass Sie die Allergie in eines Ihrer Lieder einbauten?

Das Lied „Frühlingsgefühle“, in dem ich meine Pollenallergie thematisiere, habe ich erst Jahre nach der Allergiediagnose geschrieben. Generell singe ich gern über Liebesbeziehungen und in dem Lied bringe ich beides zusammen, indem man zunächst alle allergischen Symptome wie Atemlosigkeit, Tränen in den Augen oder ein kribbeliges Bauchgefühl als Zeichen des Verliebtseins interpretiert. Ich will damit das Publikum zunächst auf eine falsche Fährte führen. Außerdem finde ich es kabarettistisch interessant und irrsinnig spannend, Sachen miteinander zu verarbeiten, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Und um auf ein Thema wie eine Pollenallergie im Sinne einer medizinischen Volksaufklärung aufzugreifen, ist so ein Song vielleicht die unterhaltsamste Form. Außerdem wollte ich schon immer ein Wort wie „Desensibilisieren“ in einem Liebeslied verarbeiten (lacht laut).

Sie bezeichnen die Pollenallergie selbst als „Problem, das Sie früher noch nicht hatten“. Dieses Motiv greifen Sie auch in einigen anderen Liedern auf. Steht dahinter eine tiefere Bedeutung?

Ja, durchaus. Denn Lieder zu schreiben über Probleme, die ich früher noch nicht hatte, zum Beispiel über Krankheiten, hilft mir immer, mit diesen Problemen klarzukommen. Das nimmt sie zwar nicht weg, aber ich sage mir immer, dass ich so wenigstens einen guten Song schreiben konnte, den es andernfalls nicht gäbe. Diese Denkweise hilft mir zum Beispiel auch immer bei Liebeskummer, da ich in vielen meiner Lieder auch meine eigenen gescheiterten Liebesbeziehungen verarbeite. Allerdings haben die, die gescheitert sind, nichts mit meiner Pollenallergie zu tun (lacht).

In Ihrem neuen Programm gibt es auch wieder einen Song mit medizinischem Bezug. Was hat es damit auf sich?

Stimmt, im aktuellen Programm spiele ich ein Präludium von Bach in C-Moll. Auch in diesem Lied denkt man erst einmal, dass es um eine Liebesgeschichte mit einer Frau geht. Später stellt sich jedoch heraus, dass es sich in Wirklichkeit um eine Sehnenscheidenentzündung handelt. Auch dahinter steckt eine längere Geschichte: Denn meine Sehnenscheidenentzündung vor Jahren hat entscheidend dazu beigetragen, mein Musikstudium auf Eis zu legen und es dann letztendlich abzubrechen, um fortan hauptberuflich als Künstler tätig zu sein. Das war damals kein leichter Schritt, aber heute sehe ich das mit ganz anderen Augen und denke, dass es genau richtig war.

Wie reagiert das Publikum auf Ihre Lieder mit medizinischem Inhalt?

Eigentlich nicht anders als auf die anderen Lieder. Als Künstler freue ich mich natürlich, wenn die Inhalte gut ankommen und die Leute lachen. Generell finde ich Feedback wichtig im Leben, und tatsächlich erhielt ich gerade aus dem gesundheitlichen Bereich in letzter Zeit zwei für mich sehr bedeutende Rückmeldungen: Das erste kam von meiner Mutter, als wir uns über berufliche Werdegänge unterhielten. Ich sagte ihr, dass ich ihren Beruf als Ärztin als sehr nützlich ansehe, weil durch Mediziner Menschen wieder gesund werden. Und sie, die sie sich über eine lange Zeit sorgte, ob ihr Sohn als Künstler einen vernünftigen Beruf ausübe, entgegnete mir nur: „Aber was du machst, kann vielleicht bewirken, dass die Menschen gar nicht erst krank werden.“ Das freute mich sehr. Der andere Fall war eine Zuschauerin, die nach einer Show auf mich zukam: Sie erzählte mir, dass sie ihrem Sohn, der im Wachkoma liegt, einige meiner Lieder vorspielte. Und tatsächlich konnten die behandelnden Ärzte mit neurologischen Messmethoden wohl sehen, dass der Junge auf die Witze und Pointen in meinen Liedern reagierte. Als die Mutter mir das sagte, war ich echt überwältigt.

Weil Sie gerade das Feedback von anderen Leuten angesprochen haben und um noch einmal auf die Pollenallergie zurück zu kommen: Was macht es für Leute, die nicht betroffen sind, so schwierig, den Allergiker in seinem Leid zu verstehen?

Ich glaube, solange man selber keine allergischen Reaktionen kennt, kann man sich das ganz einfach nicht vorstellen – das ging mir früher auch so. Damals hatte ich das Phänomen Heuschnupfen belächelt und dachte: „Was, Allergien? Das haben doch die anderen. Und überhaupt, so eine Allergie kann doch nicht so schlimm sein.“ Ich hielt Pollenallergiker für Weicheier – bis ich dann selbst eine bekam. Und wie gesagt: Als ich noch nicht wusste, dass es eine Allergie ist, dachte ich, ich hab ’ne wochenlange, richtig üble, fiese Erkältung, die nicht weggeht. In meinem ersten Sommer mit der Allergie und ohne Präparate dagegen ging es mir echt dreckig. Und wenn sie auf die Lunge geht, fühlt man sich wirklich richtig krank. Noch dazu denkt man ja in der Regel, dass so eine ultramiese Erkältung typischerweise an schlechtes Wetter geknüpft sein müsste und nicht an gutes: Die meisten Leute werden krank, wenn das Wetter schlechter wird – als Allergiker hingegen fühlt man sich krank bei meist strahlendem Sonnenschein und super Wetter. Das allein wirkt ja schon recht ambivalent. Da freut man sich direkt, wenn es regnet, weil dann die Pollen weggespült werden.   

Zum Abschluss: Was ist Ihr Tipp für die anderen Allergiker da draußen?

Ich denke, es ist sehr sinnvoll zu wissen, was genau der Auslöser ist. Daher rate ich andern Allergikern, sich einmal genau untersuchen zu lassen, wogegen und wie stark man eigentlich allergisch reagiert. Wenn man nicht mehr mit nur so einer diffusen Ahnung durch die Welt rennt, kann man es auch gezielter behandeln. Mir hat am Anfang auch geholfen, mit anderen Allergikern und Ärzten zu besprechen, was die Allergie bedeutet und wie man sie behandelt. Hilfe und Aufklärung findet man hier zum Glück ja an jeder Ecke und besonders in Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Und natürlich muss man sich als Allergiker nicht gerade an die Orte begeben, an denen besonders viele Pollen herumfliegen. Daher rate ich: „Geh nie in den Birkenwald, denn die Pollen wirken bald.“

Zur Person: Entertainer Bodo Wartke (Jahrgang 1977) ist ein musikalisches Multitasking-Talent: Er dichtet, singt und spielt Klavier, tanzt und steppt, spielt Mundharmonika, Ukulele sowie Melodika und musiziert auch mit dem Cachon, der Tavalimba oder Schütteleiern. Wartke ist mit Liebesliedern bekannt geworden, die sich oft um Frauennamen drehen. Die Strophen seines „Liebesliedes“ beherrscht er in 88 Sprachen und Dialekten. Seit einigen Jahren lebt der gebürtige Bad-Schwartauer in Berlin-Kreuzberg.

Tipp: Link zum Pollenallergie-Duett von Bodo Wartke und seiner Kollegin Melanie Haupt: www.bodowartke.de/medien (in der suchmaske „Frühling“ eingeben) oder bei YouTube „Bodo Wartke Frühlingsgefühle“ eingeben.



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